Die Bremer hatten in einem aufregenden Uefa-Cup-Spiel einen 1:3-Rückstand in ein 3:3 bei Udinese Calcio verwandelt und das 3:1 aus dem Hinspiel vergoldet. Der HSV hatte die Begegnung bei Manchester City gerade „mit einer angenehmen Niederlage nach Hause geschaukelt", wie es Keeper Frank Rost umschrieb. Das 1:2 reichte, weil man in Hamburg mit 3:1 gewonnen hatte. Doch es sind nicht nur die beiden Uefa-Cup-Spiele am 30. April in Bremen und am 7. Mai in Hamburg. Die „Festtage" (Rost) beginnen schon am kommenden Mittwoch mit dem Halbfinale im DFB-Pokal in Hamburg und enden am 10. Mai mit dem 90. Bundesliga-Nordderby in Bremen. Dort geht es für den HSV vielleicht noch um die Meisterschaft, wo es für Werder, anders als in den Pokalwettbewerben, nur noch ums Prestige geht.
Was im Eishockey oder Basketball während der Playoffs normal ist, das zwei Teams bis zu sieben Mal in kürzester Zeit aufeinandertreffen, ist im Fußball so unüblich, dass der frühere Werder-Nationalspieler Marco Bode gar nicht „weiß, wie sich das anfühlt". Vor allem aber haben die beiden Nordklubs, obwohl es echte Freundschaften wie die des HSV-Sportchefs Dietmar Beiersdorfer (der zwischen 1992 und 1996 für Werder spielte) zu Schaaf oder Bode gibt, inzwischen eine Rivalität, die fast so brisant ist wie zwischen den Ruhrpott-Erzfeinden Dortmund und Schalke.
Es begann 1982 mit dem Tod des Bremers Adrian Maleika, der bei einer Schlacht zwischen den Fangruppen von einem mauersteingroßen Brocken am Kopf getroffen wurde. Und selbst, als 1983 nach dem Sieg des HSV im Europacup der Landesmeister langsam die Vorherrschaft der Bremer begann, ebbte dieser Hass des vermeintlich Kleineren auf den Nachbarn nie ab. Dabei waren die Hamburger lange Zeit kein ebenbürtiger Widersacher mehr.
Während der HSV nur noch 1987 zum Abschied der Trainer-Legende Ernst Happel den DFB-Pokal holte und 26 Jahre kein europäisches Halbfinale mehr erreichte, ist der kleine hanseatische Bruder mit drei Meisterschaften, vier DFB-Pokalgewinnen, 1992 dem Europacup der Pokalsieger und zuletzt fünf Teilnahmen an der Champions League am Klub aus der dreimal größeren Stadt vorbeigezogen. Selbst vom zweiten Platz in der „ewigen" Bundesliga-Tabelle nach dem FC Bayern München hat man den HSV verdrängt, derzeit trennen beide Klubs nur sieben Zähler.
Nur bei den Zuschauerzahlen (HSV-Schnitt 55 000, Werder 40 000) und beim Umsatz (im Wirtschaftsmagazin „Forbes" liegt der HSV international auf Rang 15, Werder auf Rang 18) liegen die Hamburger vor Werder. Und den Ruf, bester Einkäufer der Liga zu sein, muss Werders Geschäftsführer Klaus Allofs inzwischen wohl an Beiersdorfer abtreten. „Dukaten-Didi" nennt ihn die Boulevardpresse inzwischen. Schließlich habe er mit 25 Millionen Euro Einsatz unter anderem Spieler wie Khalid Boulahrouz, Rafael van der Vaart oder Nigel de Jong für 71 Millionen verkauft und dafür weitere gute Profis verpflichtet. Selbst Allofs bescheinigte dem Kollegen eine „erstklassige Einkaufspolitik".
Doch je mehr die Klubs sich auch wirtschaftlich auf ähnlichem Niveau bewegen, desto argwöhnischer betrachtet man sich. Als der HSV 2007 wie Werder den Brasilianer Carlos Alberto verpflichten wollte, warf ihm die Bremer Führung „Preistreiberei" vor. Beiersdorfer erwiderte: „Solche Aussagen stehen Werder nicht gut." Dass Allofs den genialen, aber schwierigen Carlos Alberto bekam, hat seinem Ansehen im Nachhinein geschadet, während Beiersdorfer froh sein konnte, dass es nicht klappte. Er hatte damals noch nicht das Gewicht eines Allofs, dem dieser Fehleinkauf intern verziehen wurde.
Inzwischen traut sich Beiersdorfer auch schon mal, einen kecken Spruch herauszulassen. Er würde sich vor dem Halbfinale wünschen, dass die Transferliste mal zwei Tage aufmache, damit die Bremer den überragenden Diego noch schnell über die Alpen verabschieden könnten, hat er gesagt. Denn auch in Udine hatte der Brasilianer mit zwei prächtigen Toren den Weg zu Werders Erfolg bereitet und die Beobachter von Juventus Turin trotz muskulärer Probleme hinreichend beeindruckt.
Die Fans beider Lager aber werden wohl wieder viele Stunden verbringen, um den Spielen auch eine angriffslustige Choreografie zu bescheren. Vor vier Jahren haben die Bremer eine zerbröselte HSV-Raute gemalt, dazu die grün-weiße Werder-Raute mit Meisterschale, die Bremer Wahrzeichen Stadtmusikanten, Dom und Windmühle sowie den Satz: „Das ist eine Raute."
Als ein Jahr später am letzten Spieltag der frühere Werder-Torjäger Ailton die besten HSV-Chancen gegen seinen früheren Klub vergab und die Bremer anstelle des HSV Tabellenzweiter wurden, hatten die Bremer Fans ebenfalls eine schlitzohrige Idee: Sie versuchten über das Internet, Ailton zum HSV-Spieler des Jahres zu wählen.


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